Kapitel 02 – Wo Selbstwert beginnt
Manchmal verliere ich mich in Gedanken darüber, wie viele Menschen gleichzeitig leben, atmen, hoffen, lieben und zweifeln. Über acht Milliarden Menschen teilen sich diesen Planeten, und jeder einzelne trägt eine eigene Geschichte in sich, einen eigenen Körper, ein eigenes inneres Universum.
Oft stelle ich mir vor, was wohl in genau diesem einen Moment auf der Welt geschieht, während diese Sekunde vergeht. Irgendwo wird ein Kind geboren, irgendwo stirbt ein Mensch, irgendwo küsst sich ein Paar zum ersten Mal, während anderswo eine Beziehung endet. In derselben Sekunde werden Hochzeiten gefeiert, Tränen geweint, Entscheidungen getroffen, die ein ganzes Leben verändern.
So viel Leben. So viel Gleichzeitigkeit. Und doch fühlt sich jeder Mensch mit seiner Geschichte oft allein.
Was uns verbindet, ist dieses leise Bedürfnis, gesehen zu werden, angenommen zu sein, dazugehören zu dürfen. Wir kommen nicht fertig auf diese Welt. Wir kommen offen.
Mit einem Körper, der sich erst entwickelt. Mit einem Geist, der noch nichts weiß. Mit einer Seele, die klar ist und frei.
Körper, Geist und Seele wissen noch nichts – und spüren doch alles.
Ein Kind stellt keine bewussten Fragen. Es denkt nicht über Identität oder Selbstwert nach. Und doch liegt in jedem Blick, in jeder Bewegung, in jedem Atemzug dieselbe stille, unbewusste Suche.
Die Antworten darauf entstehen nicht im Kind selbst. Sie entstehen im Kontakt. In Nähe oder Distanz. In Wärme oder Zurückhaltung. In dem, was gesagt wird – und in dem, was unausgesprochen bleibt.
So formen sich innere Landschaften, lange bevor wir Worte dafür haben. Im Körper. Im Atem.
In der Art, wie wir uns später durch die Welt bewegen.
Ich bin in Zenica geboren, einer Stadt mitten in Bosnien, und aufgewachsen in einem kleinen Dorf namens Janjac. „Janje“ – das Lamm. Ein Wort, das etwas Zartes trägt.
Ich war das zweite Kind. Meine Schwester ist fünfeinhalb Jahre älter als ich, und eigentlich hatte man sich für das zweite Kind einen Sohn gewünscht. So waren die Vorstellungen. So waren die Erwartungen.
Doch ich wurde geboren. Ein Mädchen.
Meine Mutter war während der Schwangerschaft oft krank. Kurz nach meiner Geburt wurde sie wieder schwanger. Nicht geplant. Nicht gewollt.
Mein Bruder kam zur Welt. Ein Sohn. Und damit schien für viele etwas vollständig.
Und ich war da.
Svjetlana – Licht der Welt. Ein Name, den mir mein Vater gab.
Ich war ein Kind, das sehr oft krank war. Oft im Krankenhaus. Schon mit einem Jahr lag ich auf der Intensivstation und kämpfte um mein Leben.
So klein – und doch mit einem Körper, der wusste, wie man durchhält. Wie man kämpft. Wie man atmet. Wie man am Leben bleibt.
In diesen frühen Jahren geschieht etwas, an das wir uns später kaum erinnern, aber es nie vergessen. Ein Kind zwischen null und drei Jahren denkt nicht über sich nach, es bewertet sich nicht, es stellt keine Fragen. Es fühlt.
Es spürt, ob es gehalten wird. Ob jemand kommt, wenn es ruft. Ob Nähe verlässlich ist – oder ob es besser ist, aufmerksam zu sein.
Der Körper sammelt diese Erfahrungen still. Nicht als Bilder. Nicht als Worte. Sondern als Grundgefühl.
Als Ahnung davon, wie sicher Welt ist. Wie viel Raum man einnehmen darf. Ob man willkommen ist – oder vorsichtig sein sollte.
Selbstwert entsteht hier nicht als Gedanke, sondern als Empfinden. Nicht durch Leistung, sondern durch Dasein. Durch Augen, die bleiben. Durch Hände, die tragen. Durch Stimmen, die beruhigen. Durch das einfache Gefühl, da sein zu dürfen.
Wenn diese Erfahrung brüchig ist, lernt der Körper trotzdem. Er wird wach. Er reguliert sich. Er hält Spannungen.
Und er trägt dieses Wissen weiter.
Fortsetzung folgt 🤍